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Bericht der Grand-Mère aus Nord-Italien



Mein Aufenthalt in Nord-Italien August/September 2016

grand-mere-mit-ihren-gastfamilien-kindern… ein großer Vorteil war, dass ich mir ca 2 Monate vor Antritt meines Aufenthalts in Italien ein Bild von meiner Gastfamilie machen konnte. Am Ende einer Radtour entlang der Etsch, besuchte ich die Familie, lernte die Kinder kennen während wir Erwachsene uns im Gespräch „beschnupperten“. Ich wusste sehr schnell, dass ich mich gerne auf diese Erfahrung mit dieser Familie einlassen würde. Schließlich entschied sich auch die Familie für mich, nachdem noch mehrere Bewerberinnen zur Debatte standen. Am 08.08. zog ich ein in ein gemütliches Zimmer unter dem Dach – mit einem Bad nebenan – in dem ich mich von Anfang an trotz hochsommerlicher Temperaturen wohl fühlte.

Meine Tätigkeit bestand darin, von 7.30 – 12.30 Uhr die Kinder zu beschäftigen, also 25 Stunden die Woche. Vor allem ging es darum, sie mit der deutschen Sprache vertraut zu machen, da das ältere Kind in einer dt. Schule angemeldet war. Martina, 5 Jahre alt und Alice, 3 Jahre alt sollten individuell betreut und mit singen, tanzen, basteln, malen… zu kreativem Verhalten angeregt werden. Ich kam also an mit einer großen Kiste voll von Orff- Instrumentarium, Aquarellfarben, vielen Kinderbüchern und Handpuppen. Die Mutter, eine Übersetzerin hatte gerade eine neue Arbeit angenommen, sie kam meist gg 12.45 nachhause. Der Vater, ein Offizier war ganztägig unterwegs und beruflich stark ausgelastet. Die Kinder sprachen italienisch, Martina auch ein klein wenig deutsch, deshalb kamen mir meine nicht sehr umfassenden Italienischkenntnisse sehr zugute. Natürlich versuchten wir auch immer wieder deutsche Sätze zu benutzen, wobei es den Eltern wichtig war, grammatikalisch richtige Satzkonstruktionen zu verwenden (ohne Dialektfärbung). Das Zusammensein mit den Kindern gestaltete sich weitgehend unproblematisch. Ich konnte ihnen vielfältige Angebote unterbreiten (Singen mit Keyboard-Begleitung, Aquarellieren, Basteln mit vielfältigen Materialien, Modellieren, Vorlesen…, die sie annahmen oder auch rigoros ablehnten mit den Worten no,no,no…Später kamen sie meist spontan auf meine Vorschläge zurück oder spielten zusammen. Mir kam in vielen Situationen meine jahrzehntelange Erfahrung mit Kindern als Grundschullehrerin sehr zugute. Während meiner schulischen Tätigkeit, die mir immer sehr viel Spaß gemacht hatte, habe ich mir einen gelassenen Umgang angewöhnt: Die Kinder und ich kamen damit auch in der jetzigen Situation gut zu zurecht. Es war mir möglich, die jeweilige Konstellation zu akzeptieren, wie sie war, ohne selbst in Bedrängnis zu geraten. Umgekehrt wurde auch meine Art der Interaktion geschätzt. Oft wurde ich von beiden Elternteilen um Rat gebeten.

Zu Beginn meines Aufenthalts erörterten wir bereits Erziehungsfragen, wobei klar war, dass die Kindererziehung nicht meine Aufgabe sein sollte. Die Mutter schilderte ihre Erziehungsauffassungen, dass nämlich die Kinder viel Freiheit genießen sollten, z. B. sollten sie in Entscheidungsprozesse mit einbezogen werden. Gleichzeitig aber sollten gelegentlich klare Grenzen aufgezeigt werden. Mit diesem Grundprinzip konnte ich mich gut identifizieren. Mittags wurde gemeinsam gegessen. Es zeigte sich, dass beide Eltern sich für das Kochen begeisterten. und mich mit delikaten Gerichten verwöhnten. Am Ende meines Aufenthalts schenkte mir Daniela, die Mutter, ein handgeschriebenes Kochbüchlein, in dem die Zubereitung meiner Lieblingsgerichte dargestellt war. Die Nachmittage und auch die Wochenenden hatte ich zur freien Verfügung. Wir unternahmen entweder gemeinsam Ausflüge nach Bozen, ins Schwimmbad, zu den lagi Monticoli… oder ich verbrachte das Wochenende in Trento, oder in Tirol, oder am Kalterer See. Nach dem gemeinsamen Abendessen diskutierten wir oft lange über politische und soziale Themen, z.B. das Rollenverhalten von Mann und Frau in der italienischen Gesellschaft oder über Erziehungsfragen. Ich konnte dabei einen tiefen Einblick in die bestehende Familiendynamik gewinnen. Meine Beziehung zu beiden Elternteilen gestaltete sich freundlich, getragen von einem gegenseitigen Wohlwollen.

Heute schreiben wir uns SMS, telefonieren und tauschen uns aus, vor allem über die Kinder. Wir sind fast Freunde geworden mit der Perspektive eines Besuchs ihrerseits bei uns in München. Zusammenfassend stelle ich fest, dass dieses „Abenteuer“ ein echter Gewinn für mich war: eine Erfahrung im Umgang mit zunächst fremden Menschen, denen ich sehr schnell nahe kam. Dabei war mir auch eine förderliche Distanz hilfreich und wichtig. Durch viele Gespräche während der Mahlzeiten und am Abend gewann ich einen detaillierten Einblick in die gesellschaftlichen Strukturen Südtirols. Dabei begegneten wir uns immer mit großem Respekt bei unterschiedlichen Auffassungen. Häufig verliefen die Gespräche „trilingual“: Die englische Sprache half uns, wenn mein Italienisch nicht mehr ausreichte und die Deutschkenntnisse des Vaters der Kinder ungenügend waren. Überrascht stelle ich fest, dass auch mein Italienisch etwas flüssiger geworden ist.


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